Interview mit Prof Dr. Dr. Csaba Földes

    fotoHerr Prof. Dr. Dr. Csaba Földes ist Germanist mit Forschungsschwerpunkten in Interkulturalität und Mehrsprachigkeit, genauer deutsche Gegenwartssprache (vor allem Lexikologie und Phraseologie), interkulturelle Linguistik (Zwei- und Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kommunikation), angewandte germanistische Linguistik (Kontaktlinguistik, Soziolinguistik, Sprachenpolitik) und Deutsch als Fremdsprache. Vielseitig wissenschaftlich und organisatorisch tätig ist er unter anderem als Doktor der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und Präsident des Mitteleuropäischen Germanistenverbandes (MGV) sowie als Leiter des Lehrstuhls für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erfurt.

    In dieser Funktion leitet er seit 2014 ein Projekt zum Thema „Interkulturelle Germanistik: Impulse für Forschung und Lehre zu Wort und Text“ im Rahmen einer vom DAAD geförderten Institutspartnerschaft. Hauptpartner sind der Lehrstuhl für deutsche Sprache an der Staatlichen Pädagogischen Universität Moskau (Projektpartnerin: Frau Prof. Dr. Lyubov Nefedova) und der Lehrstuhl für Deutsch und Französisch an der Staatlichen Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Universität in Kolomna (Projektpartnerin: Frau Doz. Dr. Natalja Khomutskaya). Ziel ist, innovative zeitgemäße Konzepte aus der interkulturellen Germanistik für die Partnerschaft und die Partnerhochschulen produktiv zu machen, indem die Interkulturalität als erkenntnisleitendes Prinzip betrachtet wird. Kooperation in Forschung und Lehre im Bereich der interkulturellen germanistischen Linguistik stehen im Fokus, wobei Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, aber auch Lehrende und Studierende der Germanistik an den beteiligten Hochschulen besonders gefördert werden.

    Das Gespräch führte Irina Golubkova, Aspirantin des 2. Studienjahres am Lehrstuhl für deutsche Philologie der Universität Samara und vom DAAD geförderte Gastwissenschaftlerin am Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft der Universität Erfurt.

     

    Herr Prof. Dr. Dr. Földes, Sie haben Germanistik, Slawistik und allgemeine Sprachwissenschaft nicht nur in Deutschland und in Ungarn, sondern auch in der Ukraine und in Russland studiert. Was hat Ihr Interesse für den Kulturkreis der damaligen Sowjetunion geweckt? Wie sind Sie zu den geförderten Studienaufenthalten in der Sowjetunion gelangt?

    Ich habe tatsächlich zwei Semester in der damaligen Sowjetunion studiert. Das Wintersemester 1976/1977 in der Ukraine, in Odessa an der Staatlichen Metschnikow-Universität. Und dann Jahre später, also nicht direkt im Anschluss daran, ein Semester 1980/1981 in Moskau. Nachdem ich in und außerhalb der Schule Russisch sehr gern gelernt hatte, war das für mich eine naheliegende, fast selbstverständliche Entscheidung. Gern habe ich mich auch bei den Schülerolympiaden in Russisch beteiligt, war dann auch in einem Feriencamp, mit damaliger Bezeichnung: Sprachlager, in Nowgorod.

    Von klein auf hat mich die Welt von Sprachen und Buchstaben fasziniert. So hatte ich immer schon zunächst eine sprachliche, dann eine gewisse kulturelle Affinität für die russische Kultur, nicht zuletzt weil ich in meiner Kindheit mit vielen russischen Kindern Kontakte hatte. Wir haben lange Zeit in einer Dienstwohnung in einer Schule, in der meine Mutter Lehrerin war, gewohnt, und dieses Gebäude teilten wir mit einer sowjetischen Internatsschule für Militärkinder. Dort haben im Korridor oder auf dem Hof russische Kinder gespielt und natürlich Russisch gesprochen. Das war wahrscheinlich der Auslöser für mein Interesse für die russische Sprache und Kultur.

    Im Studium habe ich dann zwei Hauptfächer belegt – Germanistik und Slawistik – plus ein Nebenfach: allgemeine Sprachwissenschaft. Es war damals an den Universitäten eher unüblich, dass man zwei Hauptfächer und ein Nebenfach studieren konnte. Ich habe mich vor allem für den Schwerpunkt Germanistik entschieden, das war klar. Dabei habe ich lange überlegt, was ich als zweites Fach nehme. Es war ein Dilemma zwischen Geschichte, weil ich bis heute sehr stark historisch interessiert bin, und Slawistik. Schließlich dachte ich, ich wähle Russisch, das ist doch vielleicht interessanter und passt besser zur Germanistik.

    Damit habe ich die Frage nach den Stipendienaufenthalten indirekt beantwortet. Warum Odessa und Moskau? Weil sich diese Möglichkeiten damals anboten. Ich habe mich beworben, hatte Glück und dann ging alles seinen Weg. Es freut mich bis heute, dass ich das gemacht habe. Es waren einmalige Erlebnisse und auch einmalige Möglichkeiten der Horizonterweiterung. Dabei war die Umstände auch eine Herausforderung: Im Sommer habe ich meinen achtzehnten Geburtstag gefeiert und bin gleich im September im Unbekannten, also in Odessa gelandet. Junge Leute können sich heute kaum vorstellen, dass es damals kein Telefon, kein Internet gab, man war also ganz auf sich allein gestellt. Meine Eltern hatten übrigens kein Telefon, auch wenn man dort hätte telefonieren können. Das war natürlich ein gewisser Kulturschock, ein Eintritt in eine andere Welt.

    Und jetzt nach so vielen gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungen in Europa, was meinen Sie, wer von den russischen Germanisten hat Sie besonders beeindruckt oder beeinflusst?

    Spontan fallen mir zwei für mich prägende Namen ein.

    Erstens, der russische Germanist Wiktor Schirmunski. Über ihn habe ich in einer deutschen Quelle gelesen. Ich wollte seine Forschungen kennenlernen und immer mehr Arbeiten von ihm ausfindig machen. Schon damals habe ich das eine oder andere von ihm gelesen und viel von ihm gelernt. Er hat mich sehr beeindruckt.

    Zweitens, mein akademischer Lehrer an der Staatlichen Pädagogischen Universität in Moskau Jurij Solodub, ihm verdanke ich persönlich sehr viel. Er ist allerdings im internationalen Maßstab vielleicht nicht so bekannt, aber er war, wie ich ihn wahrgenommen habe, ein außergewöhnlicher Forscher und Hochschullehrer. Eine sehr belesene, inspirierende und viele Sprachen beherrschende Persönlichkeit. Ich kann mich an seine Ausdrucksweise immer noch erinnern, er hat mich «незаурядный человек» genannt. Ich denke noch immer voller Dankbarkeit daran zurück. Im Rahmen der Slawistik hat er damals einen Kurs – Russische Phraseologie – angeboten; er hat Ausländer wegen ihrer Vielsprachigkeit besonders gemocht: Regelmäßig bat er uns um Sprachbeispiele, um Äquivalente aus verschiedenen Sprachen. Dabei hat er mich enorm motiviert; er hat mit mir sogar Veranstaltungen gleichsam im Sinne eines Privatissimums durchgeführt. Er hat mich eingeladen und ist sogar ins Wohnheim gekommen, damit wir uns unterhalten können. Ihm verdanke ich mein erstes Forschungsthema, die Phraseologie.

    Ich bin auch Nataliya Viktorovna Moschchinskaya, die übrigens keine Germanistin war, sehr dankbar. Sie hat mich hingebungsvoll betreut und sich darum bemüht, dass ich auch eine Aspirantur in Moskau bekomme. Sie hat mir als Studenten ermöglicht, in einem russischen Sammelband, einem sog. Sbornik, sogar im Rahmen der Akademie der Wissenschaften, zu publizieren. Leider ist aus der Aspirantur nichts geworden, weil mein Lebensweg anders verlief. Aber mit ihr stand ich noch viele Jahre nach dem Studium in Kontakt.

    Zu wem von den Germanisten aus dem postsowjetischen Raum pflegen Sie heute wissenschaftliche Kontakte? Wie wirken sich die Beziehungen aus?

    Mein fachlicher Bekanntenkreis ist ziemlich groß. Allen voran würde ich Lyubov Nefedova und Natalja Khomutskaya hervorheben. Intensive Kontakte habe ich auch z.B. zu Sergej Dubinin, nicht nur fachlich, sondern auch persönlich. Von Dirk Kemper bis Natalja Babenko könnte ich viele gute Kolleginnen und Kollegen nennen. Hinzu kommen Beziehungen zu mehreren Protagonisten der russlanddeutschen Szene, z.B. zu Valentina Dyatlova, zu Larisa Moskalyuk. Wir arbeiten bei Tagungen, Publikation, bei Begutachtungen usw. gut zusammen. Es bestehen selbstverständlich darüber hinaus viele weitere Kontakte, auch in der Ukraine, in der USA oder in Weißrussland, die es wert wären genannt zu werden.

    Nach Ihren Hochschultätigkeiten in Szeged, Veszprém, Komárno, München und Wien sind Sie in Erfurt gelandet. Wie war Ihr Weg zur Professur an der Universität Erfurt?

    Es ist es wie fast immer bei deutschen Kolleginnen und Kollegen mehr oder weniger ein Zufall gewesen, dass es gerade Erfurt geworden ist. Die Geschichte hat verschiedene Komponenten. Für mich bildeten die sog. Inlandsgermanistik und die sog. Auslandsgermanistik immer schon eine Einheit. Nach Tätigkeiten in mehreren „Auslandsgermanistiken“ ist es reizvoll, auch „inlandsgermanistisch“ unser Fach zu vertreten, früher in Wien und jetzt in Erfurt. Offen gesagt, ich habe mich gleichzeitig an mehreren Universitäten in Deutschland beworben und freue mich sehr, dass das Schicksal schließlich in Richtung Erfurt wies. Grundsätzlich in der deutschen Germanistik tätig zu ein war also kein Zufall, sondern ein langjähriger Wunsch. Aber dass ich gerade aus Erfurt einen Ruf bekommen habe, ist ein netter, willkommener Zufall.

    Und mit welchen europäischen Germanisten stehen Sie in Verbindung?

    Die Frage lässt sich besser anhand von allgemeinen Kontaktlinien beantworten. Bei mir hat die Internationalität in der Wissenschaft, so auch in der Germanistik, hohe Priorität: Interkulturalität ist für mich nicht nur ein substanzieller Forschungsgegenstand, sondern auch ein lebensweltliches Prinzip. In diesem Sinne dürften meine Stärken unter anderem in einer weitgehenden interkulturellen Vernetzung liegen. Kontakte sind überaus wichtig; allein dadurch, dass man hört, was der andere macht, mit welchen Projekten er sich gerade beschäftigt, wie er Dinge sieht, wie er z.B. auf einer Tagung argumentiert, lernt man viel voneinander. Nicht immer entstehen enge Verbindungen, aber doch fast immer relevante Impulse für wie weitere Arbeit.

    Viele Kontakte zu mitteleuropäischen Germanisten konnten durch meine Funktion als Präsident des Mitteleuropäischen Germanistenverbandes (MGV) – früher als Vizepräsident und Gründungsmitglied – geknüpft und ausgebaut werden, da wir uns in einem gemeinsamen Kontext engagieren. Weitere Chancen boten mir meine Tätigkeiten als Gründungsmitglied, Vorstandsmitglied und Vizepräsident in der Europäischen Gesellschaft für Phraseologie (EUROPHRAS). Auch hier wollte ich produktiv mit internationalen Kollegen zusammenarbeiten, besonders bei den großen Tagungen. Dadurch kenne ich jetzt eine Vielzahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Europa, die sich mit Phraseologie-Forschung beschäftigen. Dieser Forschungsstrang interessiert mich immer noch.

    Auch die Gesellschaft für Interkulturelle Germanistik (GIG) soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben und auch in unserem Internationalen Forschungs- und Nachwuchsnetzwerk für Interkulturelle Germanistik (IFNIG), das seit 2007 als eine lose akademische Verbindung mit vielen registrierten Mitgliedern funktioniert, tauschen wir regelmäßig Informationen über interkulturelle Veranstaltungen, Publikationen, Forschungsprojekte usw. aus. Dies führt in vielen Fällen zur konkreten Zusammenarbeit.

    Ferner verfolge ich auch außerhalb von Europa, vor allem in Nordamerika und Ostasien, mit großem Interesse die Geschicke der Germanistik.

    Wie uns wohl bekannt ist, sind Germanistischen Institutspartnerschaften (GIP) ein bewährtes Instrument zur Förderung der deutschen Sprache im Ausland. Ihr GIP-Projekt trägt den Titel „Interkulturelle Germanistik: Impulse für Forschung und Lehre zu Wort und Text“. Erläutern Sie bitte Ihr Verständnis von Interkultureller Germanistik!

    Hier möchte ich natürlich nicht die ganze Forschungsgeschichte rekapitulieren, aber man muss wissen, dass der Begriff Interkulturelle Germanistik eigentlich aus der Literaturwissenschaft stammt. Bis heute interpretieren viele, sogar Experten im Feld, Interkulturelle Germanistik als eine literaturwissenschaftliche Disziplin. Das färbt auch auf die Praxis der Interkulturellen Germanistik ab, so dass nur 15 bis 20% der Vorträge auf den GiG-Tagungen linguistisch orientiert sind, allerdings mit steigender Tendenz.

    Die herkömmlichen Auffassungen von Interkultureller Germanistik, wie die von Alois Wierlacher, operieren sehr allgemein, sie begreifen Interkulturelle Germanistik als eine Wissenschaftsorientierung, für die kulturelle Vielfalt, kulturelle Begegnung und Fremdperspektiven eine Bereicherung darstellen. Das klingt sehr schön, stimmt auch, ist aber sehr vage. Dadurch versteht man nicht genau, was eine Interkulturelle Germanistik ist oder sein soll.

    Das wirklich Interessante an Interkultureller Germanistik ist für mich der Phänomenkomplex, wo in kulturellen Überschneidungssituationen ein gewisser dritter Raum in der Sprache, Literatur oder in den Beschreibungsmodalitäten entsteht, also entweder auf der Objektebene oder auf der Metaebene. Auf der Objektebene zum Beispiel die gegenwärtigen meist hybriden deutschen Sprachvarietäten oder die Literaturprodukte der Russlanddeutschen. Letztere bildet weder die bundesdeutsche noch die russische Literatur ab, ist auch keine simple Mischung, sondern eine dritte Qualität. Oder die Metaebene betreffend, arbeiten die Wissenschaftler in verschiedenen Forschungskulturen konzepttheoretisch und methodologisch anders, was eine spannende Herausforderung auch für die Interkulturelle Germanistik darstellt. Etwas professioneller formuliert: Interkulturelle Germanistik verstehe ich primär als ein Ensemble von Forschungskonzepten und -orientierungen, die jeweils nicht bloße Unterschiede zwischen einzelnen Kulturprodukten (Sprache, Literatur, etc.) thematisieren, sondern das produktive Besondere in spezifischen interkulturellen Kontexten untersuchen. D.h., das, was weder in der einen noch in der anderen Kultur allein existiert, sondern nur durch eine Interaktion zweier oder mehrerer kultureller Systeme entsteht. Diese Lesart des Interkulturellen soll dabei nicht nur gegenstands- und blickwinkelbezogen relevant sein, sondern sich auch auf das Methodische erstrecken, also auf spezifisch interkulturelle Herangehensweisen an verschiedene Forschungsgegenstände.

    Lassen Sie mich hinzufügen, dass in der Forschungspraxis der Umgang mit der Begrifflichkeit Interkultureller Germanistik in mehrerlei Hinsicht unausgegoren ist. Zum einen wird interkulturell oft mit kulturvergleichend gleichgesetzt. Das wäre an sich kein Problem, wenn man das gezielt reflektiert. Aber wenn man Kulturvergleich und Interkulturalität undifferenziert durcheinander bringt – und das geschieht sehr oft – halte ich das für nicht sauber. Zum anderen werden unter der Bezeichnung Interkulturelle Germanistik mitunter Themen und Methoden untergebracht, die damit wenig oder gar nicht zu tun haben. Interkulturell ist heute oft nur ein Label, ein Zauberwort, das bessere Möglichkeiten und mehr Forschungsmittel verspricht.

    Welche Aktivitäten und Veranstaltungen im Rahmen des Projekts fördern Ihrer Meinung nach die deutsche Sprache im akademischen Austausch am intensivsten?

    Unsere Projektkonzeption stellt einen Spagat zwischen wissenschaftlichem Interesse einerseits und pragmatischen Überlegungen (etwa Hilfestellungen für Wissenschaftler, Deutschlehrer und den akademischen Nachwuchs) andererseits dar. Die große Frage ist dabei: Wo finden wir einen gesunden Kompromiss, um verschiedene Ziele langfristig funktional zu realisieren?

    Primär ist für uns die Forschung samt deren Förderung. Gleichzeitig geht es um den wissenschaftlichen Nachwuchs. Das ist ohnehin ein zentraler Punkt in meinem akademischen Leben, deshalb bin ich sehr froh, dass unsere Hauptpartnerin, Frau Kollegin Nefedova, ebenfalls sehr aktiv und erfolgreich im Bereich der Doktorandenausbildung ist.

    Zur Förderung der deutschen Sprache möchten wir mindestens auf zwei Ebenen beitragen. Einerseits geben wir den jungen Studierenden und Wissenschaftlern die Möglichkeit, einige Wochen oder Monate (bis zu einem Semester) in Deutschland zu verbringen. Das ist sicher ein Anreiz für sie. Andererseits möchten wir das Projekt nicht zu einer Einbahnstraße werden lassen, denn Kooperation und Partnerschaft bedeuten Geben und Nehmen für beide Seiten. Nur so kann eine Partnerschaft langfristig funktionieren. Deshalb versuchen wir auch wir jedes Jahr nach Moskau und Kolomna zu kommen. Wir hoffen, für die russischen Germanistikstudenten dürfte es eine fachliche Horizonterweiterung und auch ein Stück erlebte Landeskunde sein, was wir mit unseren Gastvorträgen, Konsultations- und Gesprächsmöglichkeiten anbieten. In Kolomna haben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv mit Deutschlehrern und Deutschlehrerinnen in den Schulen gearbeitet. Es ist sowohl eine intensive Sprachförderung als vielleicht auch ein Motivationsfaktor, wenn praktizierende Deutschlehrer an Kursen und Fortbildungsmaßnahmen mit deutschen Germanisten teilnehmen. In Kolomna waren unsere Lehrstuhlmitarbeiter, Frau Dr. Galgon und Herr Dr. Hill, auch direkt an den Schulen im Rahmen des Deutschunterrichts präsent. Auch das ist eine unmittelbare Sprachförderung, weil es nicht nur um die 45 Minuten des Unterrichts geht: Bei den Kindern bleibt zumindest der Eindruck, dass bei ihnen ein netter Deutschmuttersprachler war und wie toll es wäre, mit ihm und mit anderen Deutschen noch intensiver auf Deutsch sprechen zu können und mehr über Deutschland zu erfahren. Lernende erleben dadurch, dass Deutsch nicht nur aus Buchstaben und grammatischen Tabellen im Lehrbuch besteht, sondern ein lebendiges Kommunikationsinstrument ist.

    Mit Ihrer Tätigkeit leisten Sie eine wertvolle wissenschaftliche Unterstützung bei jungen Germanistinnen und Germanisten. Welche Erfahrung bringt Ihnen diese Arbeit?

    Das ist natürlich, wie schon angedeutet, grundsätzlich eine Zweibahnstraße, wenn auch nicht zu gleichen Anteilen, denn die Betreuung und auch Kontakte zu jungen ausländischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ist doch größtenteils eine asymmetrische Kommunikation. Hier ist nicht zu erwarten, dass beide genau zu gleichen Anteilen profitieren. Das ist ganz normal. Aber sie geben mir auch viel, denn Interkulturelle Germanistik und überhaupt sprachwissenschaftliche Tätigkeit sind Bereiche, die nicht rein objektiv wie naturwissenschaftliche Disziplinen funktionieren. Wenn man mit Sprache als Kulturprodukt arbeitet, dann handelt es sich sozusagen um Anschauungswissenschaften. Was ist Sprachwissenschaft? Eine Wissenschaft von Weltansichten und Anschauungen, also wie wir auf die Dinge blicken!

    Wenn ich mich mit Vertretern anderer Wissenschaftskulturen auseinandersetze, die von unserer deutlich differieren, wie zum Beispiel die russische Wissenschaftskultur, ist es für mich schon eine spannende Bereicherung. Wichtig ist nicht, was ich dabei an Tatsachen dazulerne, sondern woran ich profitiere, ist ein anderer Blick. Auch wenn ich aus meiner Sicht nicht immer voll mit dem einverstanden bin, was die Gastwissenschaftlern sagen, erfahre ich: Aha, man kann das auch so sehen. Gespräche mit Doktorandinnen und Doktoranden helfen mir, andere Wissenschaftskulturen intern kennenzulernen. Zu erfahren, wie man in der jeweiligen Kultur reagiert, diskutiert, Phänomene interpretiert.

    Was erwarten Sie dabei von Germanistikstudierenden und Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern?

    Ich erwarte pragmatisch nichts Konkretes. Aber es wäre ein schönes Gefühl, wenn man langfristig im Kontakt bleibt und sieht, dass es diese ehemaligen Studierenden und Promovierenden in ihrer Heimat zu etwas gebracht haben. Das Ziel ist nicht, dass diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland bleiben, sondern dass sie in ihrer Heimat erfolgreich sind. Für mich ist es ein erhebendes Gefühl, wenn ich Studierenden oder Doktoranden ein bisschen geholfen habe und diese Personen später an mich denken und mich Jahre später vielleicht sogar in ihren persönlichen Angelegenheiten ansprechen, mir von etwas berichten oder mich um Rat bitten. Das ist doch ein schöner Vertrauensbeweis. Dann denke ich, es hat sich gelohnt; das motiviert mich dabei weiter.

    Wie ist Ihre Vision von gemeinsamen Betreuungen von Promotions- und Habilitationsschriften im Rahmen des Projekts?

    Bei der Konzipierung der Zusammenarbeit stand von vornherein fest, dass wir an gemeinsamen Promotionen interessiert sind, denn Doktorandenausbildung ist eine wichtige Komponente sowohl in der beruflichen Tätigkeit von Kollegin Nefedova als auch in meiner.

    Es funktioniert so, dass russische Germanistinnen und Germanisten, die in Moskau als Doktoranden angenommen worden sind, aufgrund von besonderen Vereinbarungen zwischen den beiden Universitäten die Möglichkeit erhalten, den Doktorandenstatus auch an der Universität Erfurt zu erwerben und ihre Arbeit auch in Erfurt einzureichen. Die Idee der gemeinsamen Betreuungen von Promotions- und u.U. von Habilitationsschriften ging von der Moskauer Partnerin aus. In der Praxis schlägt Frau Nefedova vor, wer in dieses Cotutelle-Verfahren aufgenommen werden soll und wir berücksichtigen diese tüchtigen Nachwuchswissenschaftler gerne.

    Grundsätzliche Betreuung bekommen die Doktorandinnen und Doktoranden nach wie vor aus Russland, aber sie kommen im Rahmen der GIP, aber auch mit DAAD-Stipendien oder individuell finanziert, regelmäßig zu Forschungsaufenthalten nach Erfurt. Hier kann ich sie beraten aus unserer Sicht, damit sie nicht nur in Russland erfolgreich sind. Denn die Arbeit soll nicht nur der russischen Wissenschaftskultur entsprechen, sondern auch der deutschen. Kulturen sind unterschiedlich aber nicht gegensätzlich. Während der Aufenthalte der russischen Doktoranden in Erfurt finden intensive Gespräche statt, außerdem referieren sie von Zeit zu Zeit in unserem Forschungskolleg „Sprachbeherrschung“. Es würde mich freuen, wenn ich auch künftig gute Doktorandinnen und Doktoranden durch diese Kooperation gewinne.

    Gemeinsame Betreuung von Promotions- und Habilitationsschriften ist innerhalb der EU sehr verbreitet, auch hier an der Universität Erfurt gibt es mehrere solche Projekte an den einzelnen Fakultäten. Aber mit Russland, einem Land außerhalb der EU, gab es bis jetzt noch keine Erfahrung. Das ist eine Besonderheit. Innerhalb von Cotutelle-Verfahren mit EU-Ländern findet nur eine Verteidigung statt, entweder hier oder an der Partneruniversität, nicht also zwei, wie in unserem Fall: Unsere Promovierenden verteidigen ihre Dissertation sowohl in Moskau als auch in Erfurt.

    Am 4. Mai 2016 haben zwei Doktorandinnen im Rahmen des Projekts ihre Dissertationen verteidigt:

    • Elena Shchirova: „Sprachliche Mittel des Komischen in den Werken Karl Valentins“
    • Maria Katamadze: „Phänomen der Nicht-Expressivität von Phraseologismen (am Material des wissenschaftlichen und akademischen Diskurses)“

    Welche Eindrücke haben Sie dabei gewonnen?

    Das war eine Generalprobe live, ein Auftakt zur weiteren Zusammenarbeit. Ich bin sehr froh, dass der Auftakt zu so einem imposanten Ertrag geführt hat. Das Ergebnis war in beiden Fällen magna cum laude. Hinsichtlich der mündlichen Leistung wurde eine der Doktorandinnen sogar mit summa cum laude beurteilt. Die Kandidatinnen haben eine Leistung erbracht, die absolut den Maßstäben einer Promotion in Deutschland entsprechen. Den beiden fiel es jedoch nicht leicht, denn für sie war es eine doppelte Herausforderung: Sie mussten gleich an zwei Fronten kämpfen, nicht nur in der eigenen, sondern auch in einer anderen Wissenschaftskultur. Die Kandidatinnen haben nicht nur fachlich überzeugt, sondern sprachen wunderbar Deutsch. Das ist alles andere als selbstverständlich, denn argumentative Diskurstypen in einer für sie fremden Sprache professionell einzusetzen, ist eine enorme Herausforderung. Ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger werden es mithin nicht leicht haben, da die Messlatte hoch angelegt wurde.

    Es freut mich, dass wir persönlich, menschlich und kollegial sowohl mit der russischen Betreuerin als auch mit den Doktorandinnen den gemeinsamen Ton gefunden haben. Bei sonst so unterschiedlichen Mentalitäten, Temperamenten und Wissenschaftskontexten ist es sehr wichtig. Das bringt noch zusätzliche Freude mit.

    Meine Freude über unseren gegenseitigen Konsens ist umso größer als die internationale Kooperation als eine Form der interkulturellen Kommunikation viele Stolpersteine birgt. Für Deutschland ist eine ausgesprochene Diskussionskultur charakteristisch, dementsprechend fällt es manchen ausländischen Gastwissenschaftlern nicht leicht, hier einer mitunter harten wissenschaftlichen Kritik ausgesetzt zu sein. Viele sind es nicht gewöhnt, dass man öffentlich ausspricht: Hier und da irrst du dich, dies und jenes musst du noch genauer untersuchen usw. Kulturwissenschaftler haben schon längst beschrieben, dass in sog. diffusen Kulturen Kritik an der Sache meist zugleich als Kritik an der Person angesehen wird. In anderen – sog. spezifischen – Kulturen, wie z.B. die deutsche, wird Kritik an der Sache und Kritik an der Person grundsätzlich strikt getrennt. Mehr noch: Wenn man keine kritischen Fragen beispielsweise in der Wissenschaft stellt, wohin soll sich die Wissenschaft entwickeln? Böse Fragen sind natürlich unwürdig. Aber Kritik an wissenschaftlichen Positionen ist immer wichtig und förderlich.

    Könnten Sie uns gesprächsabschließend einige Ihrer Zukunftsvorstellungen zur Entwicklung der Interkulturellen Germanistik mitteilen?

    Mein Eindruck ist, Interkulturelle Germanistik wird sich eindeutig in aufsteigender Linie weiterentwickeln. Diesen Optimismus kann ich damit begründen, dass erstens die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Prozesse in Europa und auch weltweit zunehmend in eine globale, konvergierende, Richtung tendieren. Zweitens kann ich als Begründung anführen, dass auch die Kategorie Kultur in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Debatten – auch außerhalb der Interkulturalitätsdebatten – ein aktuelles Schlagwort ist. Denken Sie etwa an den cultural turn (die kulturelle Wende), beim dem Kultur als erkenntnisleitendes Prinzip fungiert. Da die gesellschaftlichen Prozesse durch Migration, Globalisierung und folglich durch Interkulturalität geprägt sind, gehe ich davon aus, dass Interkulturelle Germanistik in nächsten Jahren noch an Bedeutung zunimmt. Es ergeben sich durch gesellschaftliche Wirklichkeitsbedingungen neue, aktuelle Themen: Ich bin mir sicher, dass die Interkulturelle Germanistik auch die derzeitige Migrationswelle berücksichtigen muss und wird, wie z.B. Migranten sprachlich zurechtkommen, welche kommunikativen Strategien dabei verwendet werden, wie sich ihre Sprachidentität und ihre Mehrsprachigkeitskonstellationen entwickeln usw. Hier gibt es viel Forschungspotenzial. Dabei gilt mein Plädoyer vor allem der Sprachwissenschaft, denn die linguistische Komponente der Interkulturellen Germanistik zeigt noch viel Nachholbedarf.

    Der Schlussgedanke könnte sein, dass Interkulturelle Germanistik gerade ein disziplinärer Bereich ist, in dem wir in der deutschen Germanistik speziell auf Impulse von Germanistinnen und Germanisten aus dem Ausland angewiesen sind, weil die Interkulturelle Germanistik im Ausland oft vielfältiger verankert ist.

    Vielen herzlichen Dank für das sehr interessanteste Gespräch! Viel Erfolg und Inspiration!

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